Mobilität

Arbeitszentren und Schlafgemeinden: Pendeln in der Schweiz

In den meisten Schweizer Gemeinden arbeitet die Mehrheit der Erwerbstätigen anderswo. Diese Analyse untersucht, wer Pendelnde aufnimmt und wer sie aussendet. Dazu nutzt sie den Pendlersaldo, den Anteil der Erwerbstätigen, die anderswo arbeiten, und den Anteil derjenigen, die eine Kantonsgrenze überqueren. Zudem wird geprüft, ob die Städte, die am meisten Pendelnde aufnehmen, auch jene sind, in denen die Menschen am wenigsten Autos besitzen.

Wenige Städte nehmen die Pendelnden auf

Der Pendlersaldo zieht von der Zahl der in einer Gemeinde Arbeitenden die Zahl der dort wohnhaften Erwerbstätigen ab. Ein positiver Saldo bedeutet, dass mehr Menschen zum Arbeiten dorthin kommen, als Erwerbstätige dort wohnen. Zürich weist mit deutlichem Abstand den grössten Saldo auf, 179’045, vor Bern mit 84’399 und Basel mit 44’650.

Es folgen Genf mit 35’816 und Lausanne mit 35’004. Die fünf Gemeinden an der Spitze sind die fünf grössten Städte, und ihre Salden stellen jene aller anderen Orte weit in den Schatten. St. Gallen und Luzern weisen Salden von 33’903 und 21’739 auf.

Ein Name auf der Liste überrascht. Kloten hat nur 22’017 Einwohner, steht aber auf Rang 8 von 2’115, mit einem Saldo von 21’481. Die Gemeinde beherbergt den wichtigsten Flughafen der Region, einen grossen Arbeitgeber für Menschen, die anderswo wohnen.

Jede dieser Städte ist das Wirtschaftszentrum eines weiten Gebiets. Büros, Spitäler, Hochschulen und öffentliche Verwaltung ziehen Arbeitskräfte aus den umliegenden Gemeinden an. Ihre Salden messen deshalb die Bedeutung für die regionale Wirtschaft und nicht nur die Grösse der Bevölkerung.

Pendlersaldo (Arbeitende minus Wohnhafte): die 10 Gemeinden mit den höchsten Werten

Median aller 2’115 Gemeinden: −260

Das Spiegelbild: Wohnvororte

Am anderen Ende der Rangliste kehrt sich das Vorzeichen um. Ein negativer Saldo bedeutet, dass in der Gemeinde mehr Erwerbstätige wohnen, als dort arbeiten. Riehen weist den tiefsten Saldo aller Gemeinden auf, −5’563, gefolgt von Onex mit −3’914 und Wädenswil mit −3’798.

Dabei handelt es sich nicht um kleine Dörfer. Riehen verzeichnet 7’050 Wegpendelnde und empfängt 1’487 Zupendelnde. Wädenswil, Wettingen und Uster zeigen dasselbe Muster in ähnlicher Grössenordnung, mit 8’809, 8’147 und 13’107 Wegpendelnden. Ihre Salden sind negativ, weil die Arbeitsplätze in der nahen Stadt liegen, während hier die Wohnungen liegen.

Auf der Liste dominieren Vororte der grossen Arbeitszentren in den Kantonen Zürich, Genf und Basel-Stadt. Maur und Veyrier sind Wohnvororte mit Wegpendelanteilen von 86.1 % und 87.2 %, deutlich über dem Medianwert von 80.8 %.

Ferienorte und Dörfer halten die Arbeit nah am Wohnort

Anteile erzählen eine andere Geschichte als absolute Zahlen. In der Mediangemeinde arbeiten 80.8 % der Erwerbstätigen in einer anderen Gemeinde; über die Gemeindegrenze zu pendeln ist also die Regel. Einige Orte weichen davon ab: Zermatt weist nur einen Wegpendelanteil von 3.3 % auf, Samnaun nur 3.8 % und Davos nur 9.0 %.

Es handelt sich um Berggemeinden, in denen Hotels, Läden, Bergbahnen und Bauernhöfe lokale Arbeitsplätze bieten. Zermatt verzeichnet sogar einen Überschuss von 1’085, sodass ein Teil des Personals in anderen Gemeinden wohnt. Die Kehrseite zeigt der Anteil der vor Ort Arbeitenden, die anderswo wohnen: Er liegt nur bei 2.3 % in Val Müstair und bei 2.9 % in Samnaun. Diese Gemeinden beschäftigen mehrheitlich ihre eigene Wohnbevölkerung.

Am entgegengesetzten Ende der Skala weist Bellmund einen Wegpendelanteil von 95.3 % auf, Bettens einen von 95.0 %. In solchen Orten dient die Gemeinde vor allem dem Wohnen.

Die Kantonsgrenze überqueren

Das Pendeln überschreitet auch Kantonsgrenzen. In der Mediangemeinde arbeiten 16.4 % der Erwerbstätigen in einem anderen Kanton. An einigen Orten liegt der Anteil weit höher: Nuglar-St. Pantaleon erreicht 82.4 %, Büren mit 82.2 % und Hofstetten-Flüh mit 81.5 %.

Die sechs höchsten Anteile liegen alle im Kanton Solothurn. Diese Dörfer grenzen an eine grosse Stadt, sodass ihre Bewohnerinnen und Bewohner zur Arbeit die Kantonsgrenze überqueren, während die Ortschaft selbst in einem anderen Kanton bleibt.

Die grossen Städte folgen einer anderen Logik. In Basel arbeiten 28.7 % der Erwerbstätigen in einem anderen Kanton, gegenüber 10.1 % in Zürich und 5.3 % in Genf. Da der Kanton Basel-Stadt sehr klein ist, überschreitet schon eine kurze Fahrt seine Grenze.

Am anderen Ende der Skala verzeichnen Zermatt und Verzasca 0.0 %, sodass keine erwerbstätige Person in einem anderen Kanton arbeitet.

Anteil der Wohnhaften, die in einem anderen Kanton arbeiten: die 10 Gemeinden mit den höchsten Werten

Median aller 1’700 Gemeinden: 16.4 %

Arbeitszentren, wenige Autos

Die Städte, die am meisten Pendelnde aufnehmen, brauchen am wenigsten Autos. Die drei grössten Pendlersalden entfallen auf Zürich, Bern und Basel. Genau diese drei Gemeinden haben den landesweit tiefsten Personenwagenbesitz, von 225.6 pro 1000 Einw. in Basel bis 235.4 pro 1000 Einw. in Zürich, mit Bern dazwischen. Genf und Lausanne liegen mit 257.5 pro 1000 Einw. und 266.8 pro 1000 Einw. nicht weit davon entfernt.

Am anderen Ende der Skala weist Morcote 844.3 pro 1000 Einw. auf, vor Silvaplana und Ronco sopra Ascona. Bei 557.2 pro 1000 Einw. liegt der Medianwert der Gemeinden. Dichte Städte mit gutem öffentlichem Verkehr senken den Bedarf an einem Privatauto, während verstreute Gemeinden auf das Auto angewiesen sind.

Personenwagen von Privatpersonen: die 10 Gemeinden mit den niedrigsten Werten

Median aller 1’810 Gemeinden: 557.2 pro 1000 Einw.

Was der Saldo nicht zeigt

Der Saldo zählt Personen und wächst deshalb mit der Grösse der Gemeinde; er sagt wenig darüber aus, wie typisch ein Arbeitsweg ist. Zürich hat mit 65’738 die meisten Wegpendelnden aller Gemeinden, doch das sind nur 27.5 % der dort wohnhaften Erwerbstätigen, weil die meisten innerhalb des grossen Gemeindegebiets arbeiten.

Winterthur zeigt, wie eine Gemeinde zugleich Herkunfts- und Zielort sein kann. Die Gemeinde empfängt 36’580 Zupendelnde und entsendet 30’590 Wegpendelnde, sodass ihr Saldo von 5’990 zwei grosse Ströme verdeckt.

Auch die Gemeindegrenzen sind von Bedeutung. Liegen zwei benachbarte Dörfer innerhalb einer einzigen Gemeinde, wird ein Weg zwischen ihnen nicht als Pendeln erfasst. Eine Gemeinde mit grossem Gebiet weist deshalb einen tieferen Wegpendelanteil aus, als es ihre tatsächliche Mobilität erwarten liesse.

Die Zahlen sind Personenzahlen für 2020. Sie sagen nichts über Distanz, Reisezeit oder Verkehrsmittel aus, und die Anteilswerte umfassen weniger Gemeinden als der Saldo, weil einige Angaben fehlen.

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